Das Reallexikon der Assyriologie

Seit dem Jahr 2004 wird das RlA, das international führende Nachschlagewerk der Altorientalistik, am Altorientalischen Institut der Universität Leipzig herausgegeben. Das RlA wird mit einer Mitarbeiterstelle (BAT IIa) und Sachmitteln von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gefördert. Im folgenden werden Geschichte, Stand und Zukunftsaufgaben des RlA geschildert.

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Geschichte des Reallexikons der Assyriologie

von Michael P. Streck, nach Vorarbeiten von Gabriella Frantz-Szabó

Gründung und Anfangsjahre

In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte die Wissenschaft vom Alten Orient schon ein sehr hohes Niveau erlangt. Dabei war diese Wissenschaft erst rund 70 Jahre alt. Akkadische Inschriften aller Arten wurden ohne große Mühe gelesen und interpretiert. Das Verständnis des Sumerischen wuchs seit Francois’ Thureau-Dangins bahnbrechender Bearbeitung der sumerischen Königsinschriften (1907) stetig. Und schließlich war auch die dritte große Keilschriftsprache, das Hethitische, schon bekannt. Ein überaus weites Wissenschaftsfeld drohte mehr und mehr unübersichtlich zu werden.

Bruno Meissner in Berlin, der mit seinem Werk „Assyrien und Babylonien“ (1920/1925) schon eine enzyklopädische Darstellung vorgelegt hatte, griff daher 1922 einen bereits länger gehegten Gedanken an ein „Reallexikon der Assyriologie“ wieder auf. Dabei hatte er zum Vergleich Werke wie Pauly-Wissowas Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaften oder Eberts Reallexikon der Vorgeschichte im Sinn.

Bruno Meissner fand in seinem Berliner Universitätskollegen Erich Ebeling einen begeisterten Mitarbeiter für das Projekt. Der renommierte Berliner Verlag Walter de Gruyter, der schon seit 1886 die „Zeitschrift für Assyriologie“ herausgab, war bereit, das Werk zu verlegen. Trotz der „weiteste(n) Zustimmung“ (RlA Bd. I i), die der Plan unter den Fachgenossen hervorrief, waren die Schwierigkeiten enorm, so daß bis zur Publikation des ersten Faszikels (1928) sechs Jahre verstrichen.

Der ursprüngliche Plan der beiden Herausgeber bestand in der Publikation zweier Bände von zusammen ca. 1600 Seiten, in denen alle Stichwörter von A bis Z behandelt werden sollten. Doch schon damals lief die wissenschaftliche Realität allen Plänen weit davon. Bis 1938 waren zwar zwei Bände mit zusammen 974 Seiten publiziert worden; man hatte damit aber erst den Buchstaben E erreicht. Fast alle 35 Autoren hatten Deutsch als Muttersprache. Lediglich ein Italiener und ein Slowene waren im Autorenkreis; beide sprachen und schrieben fließend deutsch. Das RlA war also noch kein internationales Projekt. Während sich Meissner als Autor fast ganz zurückhielt, steuerte Ebeling ein Fünftel beider Bände selbst bei. Zu den wichtigsten Autoren gehörte Arthur Ungnad, der die umfangreichen Artikel „Datenlisten“ und „Eponymen“ schrieb, die der Altorientalistik jahrzehntelang gute Dienste leisteten.

Vom zweiten Weltkrieg bis zur Wiederbelebung des Projekts

1939 brach der Zweite Weltkrieg aus. Weder zu jener Zeit noch auch in den ersten Nachkriegsjahren war daran zu denken, das RlA fortzuführen. Doch schon auf der ersten Rencontre Assyriologique in Paris 1950 meinte Adam Falkenstein, das RlA könne nur auf der Basis einer internationalen Kooperation wieder aufgenommen werden (CRRA 1 [1951] 24).

Ausführlich äußerte sich dann ein Jahr später auf der zweiten Rencontre Alfred Pohl S. J. zur Fortsetzung des RlA (CRRA 2 [1951] 73f.). Er schlug vor, statt das alte Werk wiederaufzunehmen, eine von Grund auf neue „Encyclopaedia of Cuneiforms“ zu schaffen, nicht nur, um das Problem der beim Verlag de Gruyter liegenden Rechte am alten Titel zu umgehen, sondern auch, weil viele der Artikel bereits veraltet seien. Jeder Autor solle in einer der drei von ihm bevorzugten Sprachen Englisch, Französisch oder Deutsch schreiben; nur die Stichwörter selbst sollten in Deutsch oder, bei der Schaffung eines ganz neuen Werkes, in Englisch erscheinen. Pohl rechnete mit 150 Autoren und einem Umfang von acht bis zehn Bänden. Das Werk könne in etwa 10 Jahren bewältigt werden. Das RlA solle das gesamte Feld der Keilschriftkulturen beinhalten, wobei intern die diversen Perioden separat von Spezialisten behandelt werden müssten. Um das Werk zu finanzieren, schlug Pohl einen Antrag an die UNESCO vor. In der sich anschließenden Diskussion (CRRA 2 [1951] 74f.) äußerten sich manche Fachgenossen, so etwa Adam Falkenstein und Jean Nougayrol, zu diesen Vorschlägen relativ pessimistisch. Angesichts der kleinen Zahl der Altorientalisten, der großartigen neuen Textfunde z. B. in Mari und der zahlreichen anderen Aufgaben der meisten Wissenschaftler sei die Zeit für eine neue Enzyklopädie noch nicht reif. Pohl entgegnete, dass man dann ein halbes Jahrhundert würde warten müssen, bis man die neuen Funde verarbeitet hätte und das Projekt wiederaufnehmen könne. Letztendlich wurde jedoch eine vorbereitende Kommission für eine neue Enzyklopädie gegründet, der die Mitglieder Eduard Dhorme, Erich Ebeling, Henry Frankfort, Albrecht Götze, Franz de Liagre-Böhl und Alfred Pohl S. J. angehörten.

Bereits ein Jahr später auf der nächsten Rencontre in Leiden (1952) stand das Thema wieder auf der Tagesordnung. Böhl schlug vor, „das Reallexikon mit vereinten Kräften endlich fortzusetzen. Um dies zu erreichen, müsste das Werk auf eine internationale Basis gestellt werden ... jeder Verfasser schreibe in derjenigen der drei Weltsprachen (deutsch, französisch oder englisch), die ihm am besten liegt“. Wieder waren die Meinungen in der sich anschließenden Diskussion geteilt: einige befürworteten den Plan, andere wollten ein von Grund auf neues Lexikon ausschließlich in Englisch oder Englisch und Französisch, Wolfram von Soden warnte vor einer zu großen, nie realisierbaren Unternehmung. Eine Abstimmung ergab schließlich 27 Stimmen für die Fortsetzung des RlA, während 22 Teilnehmer sich für eine neue „Encyclopédie des cunéiformes“ aussprach.

1957 erschien dann tatsächlich der erste Faszikel des dritten Bandes, beginnend mit dem Buchstaben F, unter der Herausgeberschaft von Ernst Weidner. Die Redaktion führte damals Margarethe Falkner. Weidner konnte zum Teil auf alte (oft aber auch veraltete!), aus der Vorkriegszeit stammende Manuskripte zurückgreifen, darunter noch sehr viele von Erich Ebeling und Eckart Unger. Aber im Wesentlichen erweiterte Weidner den Kreis der Autoren stark und internationalisierte ihn. Mit dem Stichwort „Fieber“ erschien erstmals ein französischer Autor, René Labat, im RlA. Der französisch verfaßte Artikel wurde ins Deutsche übersetzt, denn Weidner hielt an dem Prinzip fest, daß das RlA ein deutschsprachiges Werk sein sollte. Der Titel wurde entsprechend der Etablierung der Vorderasiatischen Archäologie als eigener Disziplin zu „Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie“ erweitert. Die archäologische Komponente war zwar schon in den ersten Bänden berücksichtigt worden, aber erst jetzt wurden Stichwörter bisweilen in philologische und archäologische weiter unterteilt. Weidner selbst steuerte den Artikel „Fixsterne“ bei.

Von 1966 bis 2004

1966 wurde Wolfram von Soden Herausgeber. Die Redaktion übernahm Ruth Opificius. Von Soden gestaltete das RlA in mehrfacher Hinsicht um und gab ihm das Gepräge, das es noch heute hat: An die Stelle eines einzigen Herausgebers trat ein Gremium: Hauptherausgeber und Mitherausgeber, die für einzelne, besondere Gebiete zuständig waren. Von Soden griff auch die alte Anregung Pohls auf und führte die Dreisprachigkeit der Artikel bei deutschem Stichwort ein. In Band III S. 279-287 treffen wir zum ersten Mal unter dem Stichwort „Gesetze“ einen französischen Beitrag von Guillaume Cardascia an. Die Zahl der Autoren in Band III (1957-1971) verdoppelte sich auf 73 aus 14 verschiedenen Ländern: Kanada, Tschechoslowakei, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Niederlande, Irak, Italien, Jugoslawien, Österreich, Schweden, der Schweiz und den USA.

1972 übergab von Soden die Herausgeberschaft an Dietz Otto Edzard, der bereits seit 1966 Mitherausgeber gewesen war. Die Redaktion übersiedelte von Münster nach München und wurde in die Hände von Gabriella Frantz-Szabó, einer Hethitologin, gelegt. Unter Edzards Herausgeberschaft erschienen von 1972 bis 2005 sieben Bände mit zusammen über 4000 Seiten, die die Buchstaben H bis P umfassen. Der Kreis der Autoren erweiterte sich abermals. So schrieben z. B. für den Buchstaben L 86 Autoren aus 15 Ländern 420 Artikel. Im Durchschnitt entfielen auf jeden Buchstaben 500 Seiten, also etwa doppelt so viele wie auf die Buchstaben A bis E, eine Folge der immer größeren Ausweitung der Altorientalistik. Edzard selber steuerte in diesem langen Zeitraum ca. 500 Artikel zum RlA bei.

Von 2004 bis zur Gegenwart

Nach Edzards Tod übernahm 2004 Michael P. Streck die Herausgeberschaft des RlA. Die Redaktion wurde bis Ende 2005 von Ursula Hellwag und Gabriella Frantz-Szabó betreut, ab 2006 von Sabine Ecklin zunächst allein und ab 2010 gemeinsam mit Sabine Pfaffinger. 2011 wurde das Projekt bis 2017 verlängert. Die Redaktion in München liegt seit 2012 in den Händen von Sabine Pfaffinger, Theresa Blaschke, Josephine Fechner und Nathan Morello. Anfang 2014 war der Band 14/1-2 (Anfang des Buchstabens U) erreicht. Bis zum Ende des Projektes sind in den Buchstaben U-Z ca. 750 Artikel zu publizieren.